curafutura

Print

«Digitale Transformation ist ein gesellschaftlicher Veränderungsprozess»

An den nächsten Trendtagen Gesundheit Luzern (TGL), welche am 29. und 30. März 2017 stattfinden, wird die digitale Transformation im Gesundheitswesens im Zentrum der Debatte stehen. Digitale Transformation ist weit mehr als Technologie. Sie impliziert einen gesellschaftlichen Transformationsprozess, weg von geschlossenen Systemen hin zu offenen Netzwerken. Dies erklärt Prof. Dr. Andréa Belliger, Prorektorin der Pädagogischen Hochschule in Luzern, sowie Mitglied des Advisory Boards der TGL im Interview mit curafutura.

curafutura: Warum ist die digitale Transformation so wichtig auch für die Akteure des Gesundheitswesens?

Andréa Belliger: Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft tiefgreifender als wir denken.  Wir sind mit neuen Technologien konfrontiert, von denen wir überhaupt noch nicht abschätzen können, wohin sie uns führen. Diese tangieren auch das Gesundheitswesen. 

Ein Blick zurück aufs 2016 bestätigt dies: Virtual Reality fasste 2016 mit dem Markteintritt von Facebooks Oculus Rift Fuss. Während das Internet Information zugänglich gemacht hat, wird VR neue Erlebnisse ermöglichen. Mit der digitalen Kontaktlinse von Novartis und Google, die den Blutzucker in der Tränenflüssigkeit eruieren kann, wird die Behandlung von Diabetes neue Wege gehen und das Thema Augmented Reality ist mit der HoloLens von Microsoft ins Interesse der Öffentlichkeit getreten. 

Neue Methoden, mit deren Hilfe die DNA fast jedes Organismuses manipuliert werden und eine genetische Krankheit quasi ausradiert werden kann, beschäftigen zurzeit die Biomedizin und werfen viele ethische und regulatorische Fragen auf. 

Smarte Kleider etwa aus der Kooperation von Google und Levi’s, bei denen Microchips ins Gewebe eingearbeitet sind, reagieren auf unsere Körpertemperatur oder den Gemütszustand. IBMs Medical Sieve, ein kognitiver Assistent aus dem Bereich künstliche Intelligenz und Radiologie, diagnostiziert Verletzungen und Knochenbrüche und kann so Ärzte entlasten. Bioprinting, das Drucken von Knochen und ganzen Organen mittels Bioink, lebenden Zellen als «Tinte», machte weitere Fortschritte. 

Welche Folgen hat diese technologische Entwicklung auf die Menschen und die Unternehmungen? 

Biologie und Technologie verschmelzen zunehmend. Wir Menschen werden uns möglicherweise bald schon - im Sinne einer nächsten Evolutionsstufe - über Human-Cloud-Connections in virtuelle Netzwerke einbinden und vielleicht so etwas wie Meta-Intelligenz schaffen. Es ist also einiges los. 

Digitale Transformation ist aber weit mehr als Technologie. Sie impliziert einen grundlegenden Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft, in der Art wie wir uns in allen Lebensbereichen organisieren – weg von geschlossenen Systemen hin zu offenen, bottom up organisierten, heterogenen, hybriden und agilen Netzwerken. 

Welche sind die grössten Herausforderungen für die Akteure des Gesundheitswesens?

Die grösste Herausforderung besteht wohl in der Diskrepanz zwischen diesen aktuellen Themen, die auch das Gesundheitswesen fundamental betreffen, und der real-existierenden Situation in Praxen, Kliniken und Heimen. Während auf der einen Seite Entwicklungen exponentiell von statten gehen, beschäftigen sich die Akteure im klassischen Gesundheitswesen in der Tat noch mit Fragen der Interoperabilität und des elektronischen Datenaustausches. Wir leben in einer «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen», in zwei Paralleluniversen. Das typische Charakteristikum einer Transformationsgesellschaft. 

Ich spüre aber eine Bereitschaft im Gesundheitswesen, sich der Thematik anzunehmen. Das Bewusstsein, dass sich etwas verändert, ist vorhanden. Aber es herrschen wenig Anreiz und eine gewisse Ratlosigkeit, wenn es um die Haltung dieser Veränderung gegenüber oder die konkrete Umsetzung und Anwendung geht. 

Dabei ist digitale Transformation im Kern nicht ein technologischer, sondern vielmehr ein gesellschaftlicher Transformationsprozess. Damit zeichnet sich ab, dass die eigentliche Herausforderung die Kulturveränderung und ein neuer «Mindset» ist. Neben oder vor einer technischen Interoperabilität der Daten und Systeme, braucht es eine kulturelle Interoperabilität der eigenen Organisation nach innen und aussen.


Welche Themenbereiche bei den #TGL2017 liegen Ihnen besonders am Herzen?

Neben den aktuellen Einblicken in neue Technologien durch international renommierte Expertinnen und Experten, die in erster Linie Orientierungswissen vermitteln, bin ich gespannt auf die Diskussionen zum Reifegrad des Schweizer Gesundheitswesens. 

Digitale Transformation in Organisationen ist in erster Linie ein Governance- und Führungsthema. Digitale Governance und die Frage nach dem Reifegrad der eigenen Organisation im Blick auf digitale Transformation wird heute in den wenigsten Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten im Gesundheitswesen thematisiert. Die Trendtage Gesundheit sind ein perfekter Ort, um dieses Thema zu lancieren.

Zudem freue ich mich auf konstruktive und horizonterweiternde gesellschaftspolitische und ethische Diskussionen. 

 

Das Programm #TGL2017 ist unter www.trendtage-gesundheit.ch abrufbar.

 

 

drucken pdf