Wichtige Reform jetzt anpacken

Dr. med. Jürg Schlup ist Präsident der Schweizer Ärzteverbindung FMH. Er begründet im Interview, warum die Ein-führung der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen wichtig ist. Der Präsident der FMH ruft die Politik auf, diese bedeutsame Reform zu unterstützen – sowohl im Interesse der Patientinnen und Patienten als auch der Prämienzahlenden.

Kürzlich haben Sie sich in der Neuen Zürcher Zeitung für die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen ausgesprochen. Warum?

Seit 1996 erhöhten sich die Gesundheitskosten um 66%, die Prämien jedoch um 102%. Dies liegt unter anderem daran, dass ambulante Leistungen vollständig mit Krankenversicherungsprämien finanziert werden, die stationären jedoch grösstenteils über Steuern. Den Kostenanstieg im ambulanten Bereich berappen damit zu 100% die
Prämienzahlenden, während der Kostenzuwachs im stationären Bereich zu mehr als der Hälfte von den Kantonen finanziert wird.

Diese unterschiedlichen Finanzierungsmodelle führen zu monetären Fehlanreizen: Für Krankenversicherer besteht zum Beispiel mit der derzeitigen ungleichen Kostenbeteiligung kein Anreiz eine Operation ambulant erbringen zu lassen, wenn dieser ambulante Eingriff mehr kostet als ihr 45%-Anteil an einer medizinisch gleichwertigen,
stationären Operation. 

Was würde sich mit der einheitlichen Finanzierung für die Patientinnen und Patienten ändern?

Patientinnen und Patienten hätten vermehrt die Möglichkeit sich ambulant statt stationär behandeln zu lassen. «Ambulant vor stationär» wäre einfacher umsetzbar. Die zunehmend fliessenden Übergänge zwischen dem stationären und dem ambulanten Bereich würden nicht mehr durch Finanzierungsdifferenzen unterbrochen. 

Häufig wird argumentiert, das Problem liege vielmehr an unterschiedlich hohen Tarifen im ambulanten und stationären Bereich. Dort sei anzusetzen. Teilen Sie diese Meinung?

Nein. Behandlungen, welche stationär erbracht werden, benötigen in der Regel mehr Ressourcen an Personal und Infrastruktur als Behandlungen, die ambulant erfolgen. Der Aufwand für stationäre Leistungen ist meistens grösser als für ambulant durchgeführte. Der unterschiedliche Aufwand ist selbstverständlich bei der Entgeltung zu berücksichtigen.

Die einheitliche Finanzierung wurde schon mehrfach politisch verworfen. Warum räumen Sie dieser Reform jetzt Chancen ein?

Zum einen wird «ambulant vor stationär» heute umgesetzt und ist nicht länger nur ein Schlagwort. «Ambulant vor stationär» ist damit zwar im Sinne der Patienten und der Politik, treibt aber die Prämien in die Höhe. Denn jede Behandlung, die wir heute ambulant statt wie früher stationär durchführen, verstärkt die finanzielle Belastung der Prämienzahlenden, weil die steuerfinanzierte Subventionierung entfällt. Diese finanzierungsbedingten Fehlanreize werden heute von der Politik stärker wahrgenommen als damals vor vierzehn Jahren, als die parlamentarische Diskussion zur Finanzierung begann.

Zum andern scheint mir heute die Auffassung konsensfähiger zu sein, dass in einem einheitlichen Finanzierungssys-tem für stationär und ambulant erbrachte Leistungen neben den Versicherern die Kantone als gleichberechtigte Partner und zentrale Versorgungsverantwortliche ausgewogen berücksichtigt und einbezogen werden müssen. Dies könnte beispielsweise mittels einer neu zu schaffenden gemeinsamen Einrichtung der Kantone und Versicherer geschehen.

Wie lassen sich die Kantone überzeugen, der einheitlichen Finanzierung zum Durchbruch zu verhelfen?

Erstens sind die Kantone u.a. für die Gesundheitsversorgung verantwortlich. Das Parlament muss Lösungen verabschieden, welche sicherstellen, dass die Kantone auf Augenhöhe und völlig gleichberechtigt mit den Versicherern einbezogen werden. Die Versicherer müssen Hand bieten für solche Lösungen. 

Zweitens dürfen die Kantone finanziell nicht stärker beansprucht werden als bisher. Entsprechend muss das Parlament den neu festzulegenden Kostenteiler so ausgestalten, dass die Kantone und Krankenversicherer proportional gleich wie bisher belastet bleiben. 

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13.03.2019

twittercurafutura

Unsere Tarifpartner von @doctorfmh haben eine neue Webpage - und die gefällt @curafutura richtig gut :-) https://t.co/1KlmsLe8ja

Festsetzung des Einzelleistungstarifs in der ambulanten Physiotherapie durch den Bundesrat

Per 1. Januar 2018 hat der Bundesrat einen Einzelleistungstarif für die ambulante Physiotherapie festgesetzt.

Der Bundesrat sieht in der neu festgelegten Tarifstruktur weiterhin eine Übergangslösung. Es wurden einige Anpassungen in der Tarifstruktur im Sinne einer Klärung der Tarifpositionen vorgenommen. So wird beispielsweise in der neu verordneten Struktur im Detail umschrieben, wann die Einzelleistungspauschale für aufwändige Physiotherapie (7311) angewendet werden darf, oder dass die Sitzungspauschale für Hippotherapie (7313) auch die Leistung des Physiotherapeuten beinhaltet. Zudem wurde die Zuschlagsposition für Mittel und Gegenstände / Verbandmaterial gestrichen, die sich nach der Mittel- und Gegenstände-Liste (MiGeL) richtete. Die neu festgesetzte Tarifstruktur ist für alle Akteure, die im Einzelleistungstarif abrechnen, verbindlich.

Der Bundesrat ruft alle Tarifpartner dazu auf, die Verhandlungen für eine partnerschaftliche Lösung erneut aufzunehmen, um die Tarifautonomie zu gewährleisten.

Eingereichte Tarifstruktur von curafutura und H+

curafutura und H+ haben als Vertragspartner einen neuen Einzelleistungstarif ambulante Physiotherapie für den Bereich der obligatorischen Krankenpflegversicherung inklusive den Einführungsmodalitäten und den Prozessen zur periodischen Anpassung erarbeitet. Sie haben den Vertrag am 15. August 2016 dem Bundesrat zur Genehmigung eingereicht. Der Bundesrat ist bisher nicht auf diesen Antrag eingetreten.

Für Fragen steht Ihnen gerne unser Fachspezialist Adrian Schärli zur Verfügung: Adrian Schärli

Wichtige Reform jetzt anpacken

Dr. med. Jürg Schlup ist Präsident der Schweizer Ärzteverbindung FMH. Er begründet im Interview, warum die Ein-führung der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen wichtig ist. Der Präsident der FMH ruft die Politik auf, diese bedeutsame Reform zu unterstützen – sowohl im Interesse der Patientinnen und Patienten als auch der Prämienzahlenden.

Kürzlich haben Sie sich in der Neuen Zürcher Zeitung für die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen ausgesprochen. Warum?

Seit 1996 erhöhten sich die Gesundheitskosten um 66%, die Prämien jedoch um 102%. Dies liegt unter anderem daran, dass ambulante Leistungen vollständig mit Krankenversicherungsprämien finanziert werden, die stationären jedoch grösstenteils über Steuern. Den Kostenanstieg im ambulanten Bereich berappen damit zu 100% die
Prämienzahlenden, während der Kostenzuwachs im stationären Bereich zu mehr als der Hälfte von den Kantonen finanziert wird.

Diese unterschiedlichen Finanzierungsmodelle führen zu monetären Fehlanreizen: Für Krankenversicherer besteht zum Beispiel mit der derzeitigen ungleichen Kostenbeteiligung kein Anreiz eine Operation ambulant erbringen zu lassen, wenn dieser ambulante Eingriff mehr kostet als ihr 45%-Anteil an einer medizinisch gleichwertigen,
stationären Operation. 

Was würde sich mit der einheitlichen Finanzierung für die Patientinnen und Patienten ändern?

Patientinnen und Patienten hätten vermehrt die Möglichkeit sich ambulant statt stationär behandeln zu lassen. «Ambulant vor stationär» wäre einfacher umsetzbar. Die zunehmend fliessenden Übergänge zwischen dem stationären und dem ambulanten Bereich würden nicht mehr durch Finanzierungsdifferenzen unterbrochen. 

Häufig wird argumentiert, das Problem liege vielmehr an unterschiedlich hohen Tarifen im ambulanten und stationären Bereich. Dort sei anzusetzen. Teilen Sie diese Meinung?

Nein. Behandlungen, welche stationär erbracht werden, benötigen in der Regel mehr Ressourcen an Personal und Infrastruktur als Behandlungen, die ambulant erfolgen. Der Aufwand für stationäre Leistungen ist meistens grösser als für ambulant durchgeführte. Der unterschiedliche Aufwand ist selbstverständlich bei der Entgeltung zu berücksichtigen.

Die einheitliche Finanzierung wurde schon mehrfach politisch verworfen. Warum räumen Sie dieser Reform jetzt Chancen ein?

Zum einen wird «ambulant vor stationär» heute umgesetzt und ist nicht länger nur ein Schlagwort. «Ambulant vor stationär» ist damit zwar im Sinne der Patienten und der Politik, treibt aber die Prämien in die Höhe. Denn jede Behandlung, die wir heute ambulant statt wie früher stationär durchführen, verstärkt die finanzielle Belastung der Prämienzahlenden, weil die steuerfinanzierte Subventionierung entfällt. Diese finanzierungsbedingten Fehlanreize werden heute von der Politik stärker wahrgenommen als damals vor vierzehn Jahren, als die parlamentarische Diskussion zur Finanzierung begann.

Zum andern scheint mir heute die Auffassung konsensfähiger zu sein, dass in einem einheitlichen Finanzierungssys-tem für stationär und ambulant erbrachte Leistungen neben den Versicherern die Kantone als gleichberechtigte Partner und zentrale Versorgungsverantwortliche ausgewogen berücksichtigt und einbezogen werden müssen. Dies könnte beispielsweise mittels einer neu zu schaffenden gemeinsamen Einrichtung der Kantone und Versicherer geschehen.

Wie lassen sich die Kantone überzeugen, der einheitlichen Finanzierung zum Durchbruch zu verhelfen?

Erstens sind die Kantone u.a. für die Gesundheitsversorgung verantwortlich. Das Parlament muss Lösungen verabschieden, welche sicherstellen, dass die Kantone auf Augenhöhe und völlig gleichberechtigt mit den Versicherern einbezogen werden. Die Versicherer müssen Hand bieten für solche Lösungen. 

Zweitens dürfen die Kantone finanziell nicht stärker beansprucht werden als bisher. Entsprechend muss das Parlament den neu festzulegenden Kostenteiler so ausgestalten, dass die Kantone und Krankenversicherer proportional gleich wie bisher belastet bleiben. 

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